Reform der Altersvorsorge – Vorteile der Stimmbevölkerung müssen verbessert werden
NZZ am Sonntag 10.3.2024
Der 3. März war ein Schock für die Schweiz rechts der Mitte. Die Initiative «Für ein sicheres Leben im Alter» mit einer 13. AHV-Rente wurde mit fast 60% angenommen. Gleichzeitig wurde die Renteninitiative, welche das Rentenalter an die Lebenserwartung koppeln wollte, mit einer Dreiviertelmehrheit abgeschmettert. An ein ähnliches Vorhaben ist so gewöhnlich während einer Generation nicht mehr zu denken.
Die AHV – die erste Säule der Schweizer Altersvorsorge – war schon vorher nicht nachhaltig finanziert. Jetzt wird es noch schwieriger.
Aber es könnte noch schwieriger kommen: die Reform der zweiten Säule, welche das Parlament beschlossen hat, wird im Herbst mit einem Referendum vor das Volk kommen. Es ist absehbar, dass das Volk auch diese nicht gutheissen wird.
Die Reform schlägt im Wesentlichen vor, mehr einzuzahlen, weniger zu bekommen und länger zu arbeiten. Wie bei der Renteninitiative, sehen die Bezieher aus der 2. Säule und die, welche es bald werden, nichts, was in ihrem Interesse ist. Mit der Alterung der Gesellschaft – Pensionierung der Baby Boomers, weniger Geburten und steigende Lebenserwartung – haben sie unter den Stimmenden ein grosses Gewicht.
Was ist zu tun?
In einer direkten Demokratie, wie der Schweiz braucht es für eine Reform der Alterssicherung Elemente, welche die Versicherten in diesem System besserstellt. Die Politik hat dies bis jetzt nicht hervorgebracht. Folgende Punkte müssen und können adressiert werden:
👉🏻 Höhere Renditen. Die Politik muss Anreize für eine höhere, dem spezifischen Risiko der Pensionskasse entsprechende Rendite schaffen. Die Rendite ist ein wesentlicher Teil des Altersvermögens. Die Pensionskasse wird von der Politik zu wenig als Vermögensverwalterin wahrgenommen. Geld in Form von Beiträgen entgegenzunehmen und damit Renten zu finanzieren, ist aber eine klassische Aufgabe der Vermögensverwaltung. Die Rahmenbedingungen müssen entsprechend auf eine möglichst gute risikogerechte Performance ausgerichtet sein. Dies ist heute nicht der Fall. Entsprechend uneinheitlich sind die Renditen der rund 1400 Pensionskassen.
👉🏻Arbeitsmarktbedingungen für ältere Arbeitnehmenden verbessern. Bereits ab 45 Jahren wird es schwieriger, eine neue Stelle zu finden. Ab 55 wird es wirklich schwierig. Das Gegenteil wird immer wieder behauptet, sogar von Professoren in bequemen und geschützten Positionen, die es besser wissen müssten. Die Arbeitslosigkeit unter Älteren ist niedrig, das stimmt. Aber die Vermittlungschancen nehmen mit dem Alter dramatisch ab. Es gibt immer wieder Umstrukturierungen, bei denen man arbeitslos wird - in jedem Alter, CS lässt grüssen. Der deutliche Rückgang der Erwerbstätigkeit ab dem 60. Lebensjahr ist zu einem grossen Teil unfreiwillig. All das wissen die Abstimmenden, da hilft kein Leugnen. Ist es Zeit für ein #me too für ältere Arbeitnehmende?
👉🏻Betreuungsmöglichkeiten verbessern. Wer sich wegen Kindererziehung und Hausarbeit vorübergehend aus dem Arbeitsmarkt zurückzieht - in der Schweiz meist die Frau -, verschlechtert seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt beim Wiedereinstieg und muss zudem mit einer tieferen Rente rechnen. Bessere Betreuungsmöglichkeiten würden es mehr Paaren ermöglichen, dass beide Elternteile erwerbstätig sind, höhere Renten erwirtschaften und ihre Arbeitsmarktchancen wahren. Ein höheres Rentenalter wäre dann weniger bedrohlich. Das ist vor allem für Frauen wichtig, die sich kürzlich bei der Abstimmung über ihr höheres Rentenalter überstimmt sahen. Ausserdem gäbe es mehr Babys und damit eine jüngere Gesellschaft.